Donnerstag, 26. April 2012

Von der Bedeutung der Wörter. Früher und heute

Matthias hat vor einiger Zeit einen wie ich finde sehr schönen Text veröffentlicht. In Keine Meditation! denkt, sucht, tastet er ab, was wir eigentlich meinen, wenn wir über Meditation sprechen und ob wir überhaupt über das Gleiche sprechen und ob es hier nicht viel mehr Klarheit bräuchte.  
Ich wollte auf diesen sehr persönlichen Text gar nicht antworten, aber beim Lesen von Zen Baggage: A Pilgrimage to China des großen Bill Porter sprang mir dann diese Passage aus dem Lavankatara Sutra ins Auge (Ja ihr Banausen, DAS Lavankatara. Jenes, das Bodhidharma aus Indien mitbrachte und an Eka mit den Worten "Kleiner, da steht alles drin, was du brauchst" weitergab. Und von dem es meines Wissens bis jetzt keine gute kommentierte Fassung auf Deutsch gibt) . Und zusammen mit der hochverehrten Laurie Anderson gab das dann doch endlich wieder ein kleines Posting. 
So, und jetzt verschwinde ich für drei Tage auf das nächste Seshin mit Alain Liebman. Ja genau, der Alain Liebman. Tschüss :)




 And when they talk they just make sounds 
That more or less synch up 
With their lips. 
That's what I think! 
Language! 
It's a virus!
(Laurie Anderson)

"Mahamati, die Dummen sagen Dinge wie "Die Bedeutung ist in den Wörtern. Wörter und Bedeutung sind nicht voneinander getrennt, den Bedeutung hat keine eigene Existenz. Es gibt keine Bedeutung außerhalb der Wörter." Mahatmi, diese umnachteten Menschen verstehen die Natur der Worte nicht. Sie wissen nicht, dass Wörter kommen und gehen, die Bedeutungen aber nicht kommen und gehen. Mahatmi, Wörter werden geboren und sie sterben auch. 

Die Bedeutung aber nicht, den sie geht über Existenz und Nicht-Existinz hinaus und wird weder geboren noch stirbt sie noch hat sie ein Selbst. Mahamati, die Buddhas unterrichten kein Dharma, das geboren wird oder stirbt. Da die Existenz oder Nicht-Existenz von Sprache unbestimmt ist, machen sie sich nicht von Sprache abhängig, sondern gehen darüber hinaus.
Mahamati, wenn jemand sagt, dass die Lehren eines Buddhas von der Sprache abhängig sind, dann irrt er sich. Diese Art der Lehren geht über die Sprache hinaus. Deshalb, Mahamati, gebe weder ich nohc ein anderer Buddha oder Bodhisattva auch nur ein Wort von mir. Und warum? Weil alles, was wir lehren, über die Sprache hinaus geht. Wir verfehlen es nie, das zu unterrichten, was mit der Bedeutung einher geht, aber wir tun dies in Übereinstimmung mit den Unterscheidungen der Lebewesen.
Mahamati, wenn wir nicht sprechen würden, würde unsere Lehre enden. Und wenn unsere Lehre enden würde, dann gäbe es keine Buddhas, Bodhisattvas, Pratyeka-Buddhas oder Shravakas. Und wenn da niemand mehr wäre, wer würde dann noch lehren und wer würde dann noch zuhören?
Deshalb, Mahamati, hängen Bodhisattvas nicht an der Sprache, sondern Lehren so, wie es gerade angebracht ist. Denn da die Sehnsüchte und die Irrungen der Menschen nicht gleich sind, lehren die Buddhas auf unterschiedliche Weisen, damit die Menschen ihren Geist, ihren Willen und ihr Bewusstsein befreien können und damit sie die edle Weisheit der Selbstverwirklichung erlangen, damit sie alles als eine Manifestation des Geistes erkennen und dass nichts außerhalb des Geistes existiert und damit sie so ihr unterscheidendes Denken überwinden. Mahamati, furchtlose Bodhisattvas hängen an der Bedeutung, nicht an den Worten."

Übersetzung von mir.

Kommentare:

Der Unbuddhist hat gesagt…

Hi lubob

Eine durchgängige Reaktion auf meinen Text war der Versuch ihn auf etwas zu reduzieren. "Philosophie" zum Beispiel. Es scheint immer darum zu gehen, die Essenz zu finden, das Wahre, das Falsche. Aller Buddhismus, jegliche Unterhaltung über ihn, immer geht es um irgend eine Wahrheit, die Essenz, wenigstens die Wahrheit finden indem man das Falsche identifiziert, was einer wirklich meint und wie unrecht einer hat, und – wie es sogar im von dir zitierten Text steht – um "Selbstverwirklichung".

Aber das dürfte wirklich wahr sein, daß es mit Sicherheit weder das Wort noch seine Bedeutung zu den Zeiten als dieses Sutra geschrieben wurde gegeben hat. Seine "Bedeutung", so wie wir sie heute verstehen, war den Chinesen der damaligen Zeit nicht bekannt. "Identität" so wie wir sie kennen, war den Menschen damals nicht bekannt. Es gibt ein schöne kleines Buch, daß das sehr deutlich macht: "Dekonstruktion auf Chinesisch" von Byung-Chul Han beim Merve-Verlag. Es ist ein kurzer Text, lohnt sich.

Die "Sprache als Virus", ich interpretiere Burroughs mal frei, von dem das ja stammt, ist genau diese Verwirrung – daß wir irgend etwas auf irgend etwas reduzieren könnten. Zum Beispiel unsere Leben auf einen autoritativen Text der von Selbstverwirklichung spricht. Ich denke, sprechen ist etwas anderes als irgend ein aufgeschriebener Text der angeblich irgend eine Wahrheit konserviert. Ich glaube nicht daran. Ich glaube sogar das ist das ultimative Sakrileg, etwas konservieren zu vollen und zu behaupten in einem Text stünde irgend etwas von Wert. Man kann als Mensch gar nicht anders als sprechen. Es gibt nichts ausser sprechen.

Es ist unklar was in dem Text die Bedeutung von "Bedeutung" sein soll. Man kann es ahnen. Vielleicht geht es um Handlung, das Handeln, also sprechen. Aber das ist unklar. Viel eher wird man im Kontext einer heutigen Spiritualität herauslesen, daß es eine jenseitige, wahre, immer währende, geheime "Bedeutung" gibt. Und man wird meistens überlesen, daß selbst in diesem Text steht: "wenn wir nicht sprechen würden, würde unsere Lehre enden." Man wird heutzutage einen solchen Text meistens als Abwertung der Sprache deuten.

Da wir schon bei Burroughs waren, ich denke man sollte aus solchen Texten Cut-ups machen. Wir sind doch keine tumben Holzköpfe. Wie wäre es mit ein wenig Kreativität? Warum nicht eine solchen Text mit einem aus der Bibel verschneiden? Im Anfang war das Wort, oder?

Viele Grüße, M.

lubob hat gesagt…

In der Englischen Fassung steht "so that [the beings] can attain the noble wisdom of self realization".

"Selbstverwirklichung" trifft es wahrscheinlich schon und ich könnte mir vorstellen, dass dies sogar im alten chinesischen Original so steht - nur ist damit eben das Verwirklichen des Selbst gemeint und nicht die Lifestyle-behaftete Selbstverwirklichung heutiger Zeit. Insofern ist meine Übersetzung leider mangelhaft, weil sehr missverständlich. Womit wir aber wieder genau wieder bei der Diskussion um die Veränderlichkeit der Worte sind.

Dies nur als Ergänzung und danke für den Buchtip. Ich habe einen komplementären Tip: "Reality Hunger" von David Shields. Sehr verspielt, sehr collagenhaft, amüsant.

Der Unbuddhist hat gesagt…

Das um was es an der Stelle glaube ich geht, wird in der Semiotik mit Signifikant, Signifikat und Referent ausgedrückt – Zeichen (gedrucktes, gesprochenes Wort oder sonstiges Zeichen), Bedeutung und Gegenstand.

So weit ich sehen kann wird das im Lankavatara an mehreren Stellen thematisiert. Erstes Problem: Der Signifikant "Word" bezieht sich auf unterschiedliche Sanskrit-Signifikanten. Z.B. Kap XLII: "Words (abhilapa) and Realities (bhava)" und Kap XLV: "The Relation between Words (ruta) and Meaning (artha)". Man hat also zwei Sanskritwörter die mit ein und dem selben englischen Wort übersetzt werden. Zwei Signifikanten werden zu einem. Welche Bedeutung (Signifikat) soll das aber nun haben? Ohne eingehende Untersuchung können wir nicht wissen was das englische "Word" meint. Die Sanskritwörter können ja ein weites Bedeutungsfeld haben, das wir nicht kennen. Wenn wir also nicht wissen, was "Word" bedeutet, könne wir auch nicht wissen, welcher Unterschied zu "Meaning" gemeint ist.

Das nur als Beispiel. Vermutlich kann ein Fachmann das klären, nur was soll ich solange machen? Ich kann mich ja nicht auf vermutete Bedeutungen verlassen. Womöglich meditiere ich dann eine Leben lang falsch und komme nicht ins Nirwahna... Das ist mir zu gefährlich.

Übrigens, es gibt eine deutsche Übersetzung von einem Sanskritprofi. Von Karl-Heiz Golzio. Hier eine Besprechung vom Religionswissenschaftler M. A. Schmiedel: http://www.fs-rewi.uni-bonn.de/ss/ss1a3.htm

Viele Grüße, Matthias

Der Unbuddhist hat gesagt…

Ach, hab ich vergessen. "Reality Hunger" kenn ich. Ist wirklich gut. Danke für den Tipp. Schön' Abn'd noch. :-)

Aiko hat gesagt…

Nur mal so am Rande - weil der iBuddhist sich hier kopierend bedient hat - das Sutra heißt nicht Lavankatara - sondern Lankavatara - hast da wohl zweimal einen Buchstabendreher - aber für das Thema ist das natürlich auch ganz passend und witzig.