Ich finde es sehr wichtig, dass wir uns mit den Strukturen und Verhältnissen in der Zen-Bewegung auseinander setzen. Ausgerechnet aus der von mir persönlich eher kritisch beäugten Rinzai Ecke (ich selbst praktiziere in der Tradition von Dogen) kommt nun ein mutiger und meines Erachtens richtungsweisender Diskussionsbeitrag, der weit über die sonst üblichen Meinungen und Deinungen hinaus geht und der für alle Zen-Richtungen relevant ist. Christoph Hamacher vom Rinzai-Dojo in München hat es geschrieben und im Juli 2012 bei der jährlichen Konferenz der International Cultic Studies Association in Montreal vorgestellt (etwa: Internationale Vereinigung für die Studie von Sekten).
Die Studie (Download als Pdf hier) geht detailliert auf Berichte über Fälle von Machtmissbrauch in Zen-Gruppen in den USA und in Deutschland ein und trägt den Titel ...
“Zen Has No Morals!”
The Latent Potential for Corruption and Abuse in
Zen Buddhism, as Exemplified by Two Recent Cases
Zen Buddhism, as Exemplified by Two Recent Cases
Ich bin leider erst spät auf diese Diskussion im Buddhaland-Forum gestoßen, möchte aber noch ein paar Gedanken meinerseits nachreichen:
1. Wer an Harmachers Studie kritisiert, dass zwei Beispiele nicht ausreichen, um irgend etwas zu beweisen, hätte recht, wenn es denn hier um einen "Beweis" von etwas gehen würde. Dies ist aber gar nicht Harmachers Anliegen. Wie autoritäre Strukturen und Sekten funktionieren, dass wurde schon sehr häufig und tatsächlich anhand größeren Fallzahlen analysiert und bewiesen. Was Harmacher in seiner Studie hingegen macht, ist, dass er zwei gerade zu lehrbuchhafte Musterbeispiele aufgreift, um anhand von diesen in sehr klarer und nachvollziehbarer Weise darzustellen, dass auch in buddhistischen Gruppen, die angeblich nach Befreiung streben, autoritäre und repressive Strukturen existieren können. Sein Analyse / Studie ist dabei keine Sammlung von persönlichen Meinungen und Sichtweisen, sondern er wendet die üblichen Prüfpunkte an, die auf die Analyse von Gruppenstrukturen angewendet werden. Dabei belegt er die jeweiligen Prüfpunkte mit solchen Aussagen von Betroffenen, die eben nicht anekdotischen Charakter haben, sondern wiederholte Ereignisse, also mithin Verhaltensmuster beschreiben, die in ihrem Zusammenwirken ein stabiles, repressives System produzieren und aufrecht erhalten.
2. Auch wenn über solche Sektenstrukturen schon alles irgendwo schon einmal gesagt und beschrieben wurde, so ist Hamachers Arbeit trotzdem sehr wichtig. Den meisten Menschen fällt es nämlich schwer, aus den soziale Verhaltensweisen einer Gruppe ein Muster abzuleiten und dieses auf andere Situationen zu übertragen. Sprich: Die meisten Menschen sind nicht in der Lage, die Ergebnisse einer Studie, die beispielsweise die Systematik des Gruppendenkens und Gruppendrucks in einer Gruppe von bibeltreuen amerikanischen Christen beschreibt, auf eine Zen-Gruppe in Deutschland zu übertragen - obwohl es eigentlich immer die gleichen Mechanismen sind, die in repressiven Gruppen zur Anwendung kommen.
3. Meines Erachtens wird die mögliche Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit des Papiers in der Diskussion im Buddhaland-Forum überwiegend mit Blick auf die Zielgruppe "Anfänger" oder "mögliche Interessierte" geführt - und dies halte ich für falsch, bzw. nicht zielführend. Denn sowohl Anfänger als auch bereits länger Übende können mit diesem und anderen Berichten nichts anfangen, da sie a) die beschriebenen Situationen noch nicht selbst erfahren haben und die Richtigkeit der Analyse nicht beurteilen können oder b) wenn sie keine Anfänger mehr sind, sind sie als Teil Mitglieder der Gruppe bereits so tief in das Gruppengeschehen verstrickt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, die Gruppendynamik aus der Perspektive eines Aussenstehenden/Beobachters wahr zu nehmen. Hamachers Papier wird deshalb m.E. niemanden davor bewahren, einer solch autoritären Gruppe oder Persönlichkeit zu verfallen. Abgesehen davon, dass ich persönlich denke, dass wer solch einer autoritären Gruppe beitritt, diese Erfahrung wohl gerade im Rahmen seiner eigenen Entwicklung machen muss (dazu gleich noch eine Anmerkung weiter unten).
4. Trotz meiner Vermutung, dass solch ein Papier niemanden davor bewahrt, einer Sekte beizutreten, halte ich es trotzdem für wichtig, weil es zwei Zielgruppen bedient, die in der Diskussion im Buddhaland-Forum bisher gar nicht vorgekommen sind:
Zuerst sind da die erfahrenen Schüler, bei denen Zweifel nagen oder die sich bereits aus der Sekte verabschiedet haben. Diese fallen in der Regel in ein sehr tiefes Loch aus Selbstzweifel, Ratlosigkeit und Scham. Die Selbstzweifel und die Ratlosigkeit kommt daher, dass die meisten sich eben doch fragen, "was habe ich falsch gemacht", "wie konnte ich nur auf diese Typen hereinfallen, ich Idiot" etc... Die Scham rührt daher, dass auch ein Aussteiger nie nur Opfer war, sondern solange er/sie noch dazu gehörte, eben auch Täter war und andere mit-drangsaliert, mit ausgegrenzt hat. Für diese Menschen ist es enorm wichtig, zu erfahren, dass das, was ihnen wiederfahren ist, nicht zufällig geschah, sondern dass es eine System mit einer inneren Logik war. Diese können sie nachvollziehen, verstehen und daraus (hoffentlich) für ihren künftigen Werdegang die notwendigen Lehren ziehen. Gerade wer am eigenen Leib erfahren hat, wie autoritäre Systeme funktionieren, kann sich evtl. um so besser für andere Vorgehensweisen engagieren.
Die zweite Zielgruppe sind schliesslich all die Gruppenleiter und Lehrer, die sich tagtäglich bemühen, ihren Schülern einen guten Rahmen für die buddhistische Praxis zur Verfügung zu stellen. Jeder von uns ist in seiner Gruppe ein kleiner König - und schon eine noch so kleine Gruppe kann für zu instabile oder schlicht zu junge, zu unerfahrene Persönlichkeiten eine zu grosse Herausforderung sein.
Brad Warner hat einmal in einem hervorragenden Aufsatz beschrieben, wie es gerade die Bewunderung und der Respekt williger Schüler ist, der dazu führt, das Lehrer zu Gurus werden und jegliche Bodenhaftung verlieren: How to Make a Zen Monster. Oder anders gesagt: Kein Sektenführer plant die Errichtung einer Sekte. Sonder vielmehr ist es so, dass es Lehrerpersönlichkeiten gibt, die im Falle von Problemen oder Konflikten (und die gibt es natürlich in jeder Gruppe) aus Unwissen oder Unsicherheit heraus zu autoritären Verhaltensweisen Zuflucht nehmen. Dann machen sie die Erfahrung, dass bestimmte Mechanismen "funktionieren" und dann rutschen sie schon wie von selbst in die Logik autoritärer Strukturen ab. Was nun aber gute von schlechten Lehrern unterscheidet, ist nicht, ob ihnen solch ein Fehler irgendwann einmal(!) unterläuft. In der Praxis macht jeder Lehrer immer wieder "Fehler". Was aber gute von schlechten Lehrern unterscheidet, ist, dass gute Lehrer sich selbst gegenüber sehr kritisch eingestellt sind. Und es sind solche guten Lehrer, die solche Fallstudien meiner Erfahrung nach sehr interessiert lesen, um damit ihr eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen. Ich kenne z.B. Dojos der manchmal gern gescholtenen AZI, in denen das AZI-kritische Papier von Halfmann, "Zen and Mind Control", in der Bibliothek verfügbar ist. Warum? Weil wer als Lehrer über sich selbst reflektieren und sein Handeln begründen kann, sieht solche Papiere als Bereicherung - selbst dann, wenn er oder sie die darin geschilderten Sichtweisen nicht unbedingt teilt.

1 Kommentar:
Lieber Lucius und lampenschleppender lubob,
auch ich danke für Ihre wohltuend „unaufgeregte Beleuchtung des Themas“, wie Buddhaland-Moderator „malsehen“ es bezeichnet hat. Ich kann den spürbar tiefen Seufzer von „malsehen“ verstehen: Nach all der Polemik endlich auch wieder ein sachdienlicher Beitrag zu einem wichtigen, alle Praktizierenden betreffenden Thema im Forum.
Mein Dank gilt vor allem Christopher Hamacher, der mit seinem Vortrag, wenn auch auf einem anderen Kontinent gehalten und bisher nur in englischer Sprache veröffentlicht, die so schwierige Auseinandersetzung über die Struktur und Arbeitsweise repressiver/missbräuchlicher Gruppen fortsetzt.
Vielleicht ist ihnen bekannt, dass er dabei (zumindest die Berliner Gruppe betreffend) auf authentische Berichte und Aussagen ehemaliger Mitglieder zurückgreift, die zuvor unter blog.buddhistische-sekten.de veröffentlicht wurden.
Tenzin Peljors Engagement ist es zu verdanken, dass diese Veröffentlichungen möglich waren.
Ebenso danke ich allen „Ehemaligen“, die sich ein Herz gefasst haben, trotz berechtigter Sorge vor unliebsamen Konsequenzen, mit ihren unterschiedlichen Beiträgen Verantwortung zu übernehmen.
Da Tenzin Peljor auf dem Blog auch eine Link-Sammlung zum Thema zur Verfügung stellt, wäre es sicher hilfreich, die Seite weiter zu vernetzen.
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